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USA, Nevada

Wir fuhren also schon einen Tag vor Beginn des Festivals los, um den weiten Weg mit dem vollgepackten Van nicht in einem Tag fahren zu müssen… Abends fanden wir einen wunderschönen Platz zum campen am Pyramide Lake, in einen Indianerreservat. Wir vermuteten, dass der so heißt, weil die Hügel, die ihn umgeben tatsächlich oben spitz zu laufen wie Pyramiden. Wie gingen noch ein letztes Mal “baden” und trafen dann noch ein paar letzte Vorbereitungen für das Festival, bevor wir dann super müde in unser Zelt krabbelten (in unserem Van war nämlich kein Platz für uns und komplett ausräumen wollten wir ihn für eine Nacht noch nicht). 


Campen am Pyramide Lake

Am nächsten Morgen wurden wir von einem knallroten Sonnenaufgang geweckt. Nachdem wir ihn ausgiebig bestaunt hatten packen wir sofort zusammen und fuhren die letzten eineinhalb Stunden bis zur Black Rock City zügig durch. Und das trotz des wirklich heftigen Verkehrs. Im Grunde war es eine rollende Schlange aus RV’s, Campervans und Autos mit bunt geschmückten Fahrrädern hinten dran. Als wir aufs Festivalgelände fuhren verursachten die vielen Fahrzeuge einen heftigen Sandsturm, so dass wir so gut wie gar nichts mehr sehen konnten. Als wir dann in der Schlange standen musste ich erst einmal einen RV hinter uns hochklettern um mir das Ganze von oben anzusehen. Das war mal ein Ausblick-die Schlange war so lang, dass ich nicht mal ansatzweise das Ende erblicken konnte, aber die Wüste umringt von Bergketten sah echt wunderschön aus. 

Anschließend wurde meine Vorfreude aber etwas gedämpft, da wir nämlich 6 Stunden in der brütenden Mittagshitze in der Schlange standen bis die endlich am Eingang ankamen. Dort mussten wir dann aussteigen und wurden von den “Greeters” mit einer Umarmung und den Worten “Welcome Home” begrüßt und da es unser erster Burn war mussten wir Staubengel am Boden machen-ich hatte nicht erwartet dass meine Haare gleich so schnell verstaubt sein würden 😀 – und anschließend mussten wir einen Gong schlagen und damit unser erstes Burning Man Festival einläuten :) Nach dieser kleinen Zeremonie suchten wir uns einen guten Campingplatz aus und begannen unser Zelt, Sonnensegel, Tisch und Stühle aufzubauen, bevor wir uns auf unsere erste Radtour zur Playa begaben. 


Unser Camp :)

Und da es schon dämmerte sahen wir das Festival gleich mal in seiner ganzen Lichterpracht. Erst einmal hat wirklich jeder Burner unendlich viele Lichter und Lichterketten in allen möglichen Farben an seinem Fahrrad, die man auch echt braucht, damit man nicht von anderen Leuten im Dunkeln über den Haufen gefahren wird. Das sah ja schon total super aus-all diese halbnackten und super schön gestylten Menschen auf ihren blinkenden Fahrrädern :) Doch dann erreichten wir die Playa und ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus-wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal auf die Wiesn geht… Die Playa müsst ihr euch als ein gigantisch großen Platz vorstellen auf dem Unmengen von riesigen Kunstobjekten herumstehen. Wunderschöne Sachen, wie zum Beispiel ein riesiger Wal, riesige Buchstaben die Worte ergeben, die Pyramiden, der Tempel und natürlich der “Man”. Ich kann bei weitem nicht mehr alles aufzählen, ich glaube, dass ich nicht mal die Hälfte aller Sachen gesehen habe. Außerdem sind abends ringsherum um die Playa die meisten Parties. Die meisten Burner radeln abends also einfach von einer Party zur nächsten und schauen was wo los ist. Außerdem fahren die so genannten Artcars herum, die die einzigen Fahrzeuge sind, die auf der Playa erlaubt sind. Diese Autos sind natürlich auch total abgefahren aus und sind auch wunderschön beleuchtet. Das lustigste das mir in Erinnerung geblieben ist, war ein riesiger Bus, der aussah wie ein Schaf, im Bus legte ein DJ auf und man konnte nur in den Bus gelangen, in dem man auf eine Rutsche kletterte und in das Arschloch des Schafs hineinrutschte 😀 Einfach zu geil!!! 

Wir radelten also eine Weile umher, bis wir uns auf dem Rückweg zu unserem Camp machten, um dann mitten in der Nacht zum kochen anzufangen. Denn anders wie auf auf den meisten Festivals muss man zum Burning Man alles selber mitbringen: Wasser, Alkohol, Essen. Außer Eiswürfeln und Kaffee kann man dort nichts kaufen. Verhungern oder verdursten würde man aber dennoch nicht, denn eines der “10 Principles” ist “Gifting”, das bedeutet, das man anderen Menschen was geben soll und die Leute nehmen das alle sehr ernst. Wir bekamen also ständig was geschenkt, sei es Wassermelone, Schokolade, Eis, selbstgemachten Schmuck, Lippenbalsam, Desinfektionsmittel, Sonnencreme und so weiter. Viele der Camps schenken außerdem Alkohol aus und einige servieren zu bestimmten Uhrzeiten auch Essen, wofür man dann recht lang Schlange stehen muss. Aber nach einem langen Tag in Sonne, Hitze und Sandsturm macht man das doch gerne um einen Gratis-Burger zu bekommen :) 

Ansonsten fällt es mir etwas schwer zu beschreiben wie das Burning Man Festival so ist. Ich versuche es mal so gut es geht… Man kommt sich vor als wäre man auf einem anderen Planeten. Und das nicht nur weil es heiß, trocken und staubig ist. Hauptsächlich weil das Festival eine bessere Version unserer Erde darstellt. Die Menschen sind immer nett zu einander, alle lächeln sich gegenseitig an, alle sind unglaublich hilfsbereit und jeder packt ungefragt mit an, wenn es etwas zu erledigen gilt. Jeder darf so sein wie er ist, ohne beurteilt oder angestarrt zu werden… Und obwohl dort Alkohol und Drogen konsumiert werden hab ich nicht einmal eine aggressive Person gesehen. Auch sein Fahrrad kann man unabgesperrt herum stehen lassen, ohne dass es einem geklaut wird. Und wirklich jeder verfolgt den Grundsatz “leave no trace behind”, das heißt niemand pinkelt mal eben in die Ecke und jeder nimmt seinen Müll wieder mit nach Hause… Das mag jetzt vielleicht etwas zu rosarot klingen, aber genauso ist es dort :) Ich fand es einfach wunderbar! Wir hatten außerdem während des gesamten Festivals kein einziges Mal eine Uhr oder unsere Handys dabei. Wir haben einfach in den Tag hinein gelebt und geschaut wo es uns hinverschlägt. Es gibt zwar ein schlaues Büchlein mit sämtlichen Veranstaltungen, aber allein schon wegen der Größe des Festivalgeländes schafft man es meistens nicht zu mehr als einer Veranstaltung am Tag zu gehen, weil man unterwegs ständig irgendwo hängen bleibt: auf einem coolen Workshop, einer Party oder in einem Spa. Es ist einfach für jeden was dabei…









Wer jetzt glaubt, dass die Leute alle so gut drauf sind, weil sie die ganze Zeit nur Sex haben und Drogen nehmen, der hat nur bedingt recht. Natürlich sind echt viele Leute auf Acid, Pilzen oder was auch immer unterwegs und Gras riecht man an jeder Ecke. Und obwohl in Nevada Drogen generell illegal sind, interessiert das eigentlich niemanden, nicht mal die Polizei, die auch vor Ort ist… Und klar, es gibt es auch das “Orgy-Tent” wo man hingehen kann, um Sex zu haben und es gibt auch Sachen wie “Masturbation Workshop for Girls” wo Mädels gemeinsam mastubieren können 😀 Um hier mal nur ein paar Sachen zu nennen…

Liron und mich hat das alles nicht so interessiert. Für mich war das Burning Man Festival mehr sowas wie eine einschneidende Lebenserfahrung. Erst einmal ist das Festival alles andere als einfach. Die Sandstürme. Der Sand, der einfach überall ist – in den Haaren, in den Augen, in der Nase, an jedem nur möglichen Körperteil, im Essen, im Wasser, im Bett und auch in den sauberen Klamotten. Dann die Hitze, der man kaum entfliehen kann, wenn man keinen RV mit Generator hat. Es gibt keine Möglichkeit zu duschen und die Dixi Toiletten sind irgendwann nur noch ätzend. Doch egal wie übel sich das jetzt anhört, irgendwann juckt einen das alles gar nicht mehr und man merkt nur wie verwöhnt man zuhause eigentlich ist und wie anpassungsfähig der Mensch sein kann und dann macht das “Dreckigsein” sogar richtig Spaß 😉


Beim Sandsturm schnell mal Brille und Mundschutz aufsetzen und dann warten bis er vorbei ist 😀

Dann hab ich so viele kluge, spirituelle und lebenserfahrene, meistens natürlich ältere Menschen kennengelernt, und auch wenn ich mich nur für eine halbe Stunde mit ihnen unterhalten hab, waren die Gespräche so bewegend und tiefgründig, dass sie mich stark inspiriert und zum nachdenken angeregt haben… Ich fand es echt erstaunlich und v.a beeindruckend, wie mir diese im Grunde völlig fremden Menschen genau angesehen haben, was sie mir mit auf den Weg für mein weiteres Leben geben müssen und wie richtig sie mit alldem lagen… Sie haben mir auf jeden Fall geholfen nach einer längeren Phase der Orientierungslosigkeit wieder zu wissen was ich will und keine Angst vor der Zukunft zu haben und das ist mehr als ich je vom Burning Man erwartet hätte :)

Ein ganz bewegender Ort auf dem Festival war für mich außerdem der Tempel. Er ist aus Holz gebaut, ist riesig groß und sieht aus wie diverse Tempel, die ich in Bali besucht habe… Der Tempel ist also nur schon aus der Ferne betrachtet total beeindruckend. Aber als ich dort das erste Mal früh morgens alleine hinradelte und ich die Schwingungen dort spürte bekam ich eine Gänsehaut. Denn wirklich jeder im Tempel weinte. Im Tempel gedenken die Menschen nämlich hauptsächlich geliebten Personen, die verstorben sind. Hierzu werden Briefe, Fotos, Zeichnungen, Blumen oder andere Gegenstände niedergelegt oder an die Holzwände geheftet. Viele schreiben die Nachrichten an die Verstorbenen auch direkt auf die Wände. Als ich anfing einige der Briefe zu lesen, berührten die mich so sehr, dass auch bei mir die Tränen kullerten… Ich hatte irgendwie das dringende Bedürfnis auch etwas im Tempel abzulegen, um mit dem Verlust einer lebenden Person endlich abschließen zu können. Und genau das tat ich dann auch.


Am letzten Tag des Festivals, an dem der Tempel verbrannt wird, war es schon fast gespenstisch als zig tausende von Besuchern nahezu mucksmäuschenstill in einem riesigen Kreis um den Tempel herumsaßen und mit ansahen wie der Tempel langsam mit Fackeln in Brand gesetzt wurde. Als der Tempel dann richtig hoch in Flammen stand war das einzige, das man hörte das Knacken des brennenden Holzes. Ich dachte echt ich traue meinen Augen nicht, als sich plötzlich zwei kleine Tornados vor dem Feuer bildeten und direkt auf uns zu gewirbelt kamen. Es sah so dermaßen surreal aus. Kurz darauf fing es dann an riesige Funken vom Himmel zu “regnen”. Da wir nicht von den glühenden Holzstückchen getroffen werden wollten, standen wir auf und gingen etwas zur Seite. Als wir außerhalb der Gefahrenzone waren, bot sich mir der wohl schönste Anblick in meinem gesamten Leben. Es sah echt aus als würden hunderte kleine Sterne vom Himmel fallen… Dieser Augenblick war so schön und der absolut perfekte Abschluss für ein wunderschönes Festival, dass Liron und ich uns ganz fest umarmten und ich muss sagen ich hab mich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder richtig frei und glücklich gefühlt, besser noch, es fühlte sich an wie ein großartiger Neuanfang :)