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Canada, Alberta

Diesmal will ich euch ein wenig über meine erste Wwoofing Erfahrung in Kanada erzählen.

Wwoofing ist die Abkürzung für World-Wide Opportunities on Organic Farms. Auf gut deutsch bedeutet das, man kann auf Bio-Bauernhöfen oder bei anderen nachhaltigen Projekten voluntieren. Für die Volontäre ist es eine tolle Möglichkeit in einem anderen Land, ohne eine Arbeitsgenehmigung zu benötigen, zu arbeiten und im Gegenzug freie Unterkunft und Essen zu erhalten. Und nebenbei lernt man natürlich noch Land, Leute und Kultur kennen und kann mehr über nachhaltige Lebensweise lernen. Die Hosts haben natürlich auch was davon, da sie kein teueres Personal einstellen müssen, wenn sie Unterstützung brauchen. Dennoch hat es mir Ausbeutung (meist) nix zu tun, denn für die Farmer ist das oft so, als würden sie ein Kind adoptieren, weil die meisten Volontäre super jung sind und sie somit viel erklären müssen und manchmal auch noch Erziehungsarbeit leisten müssen.Es gibt verschiedene Webseiten auf denen sich die Volontäre und die Farmer bzw. Hosts registrieren und dann miteinander in Kontakt treten können.

Ich hatte mir schon seit langer Zeit vorgestellt, mal auf einer Farm mit Tieren arbeiten zu wollen, um einfach mal was ganz anderes zu erleben. Und so meldete ich mich, als ich auf Vancouver Island war, auf einer der Webseiten an und schrieb diverse Farmer und Rancher an. Der erste der mir antworte war Andy, ein Sheepfarmer. Ich muss sagen, als ich mit ihm hin und her schrieb erschien er mir ein bisschen schrullig. Ich verstand die meisten seiner wirren E-Mails auch nicht wirklich… Aber da er der erste war, der mir zurück geschrieben hatte, entschied ich mich für seine Farm. Schließlich war ich wirklich dringend auf der Suche nach einem Job und seine Farm lag nicht weit von meinen geliebten Rockies entfernt :) Und so sagte ich Andy zu und buchte einen Flug nach Calgary. 

Als ich in Calgary am Flughafen ankam und auf Andy vor der Ankunftshalle wartete war ich schon etwas aufgeregt. Immerhin weiß man ja vorher nicht wer einen da abholt und wie der Host so drauf ist. Plötzlich kam eine alte japanische Schrottkarre, die vollgestopft mit Sachen war, auf mich zugebraust und ein grauhaariger Mann, so Ende 50, sah mich mit zusammengekniffenen Augen an und da war ich mir ganz sicher, dass das Andy war. Er begrüßte mich und warf meine zwei Backpacks auf den Krempel, der auf dem Rücksitz lag. Wir fuhren gleich weiter und Andy redete ohne Unterlass mit einem Slang, den ich bisher noch nicht aus Kanada kannte, und auch schwer verstand… Er erzählte mir dass er geschieden sei und drei erwachsene Kinder habe die aber alle schon ausgezogen wären, ich bräuchte mir aber keine Sorgen machen, denn er hätte eine Freundin. Dann wurde mir die Story noch näher erläutert. Während dem reden schenkte Andy dem Verkehr nicht besonders viel Aufmerksamkeit. Als er einmal die Spur wechseln wollte übersah er ein anderes Auto, weil seine Seitenspiegel auch nicht verstellbar waren. Der Fahrer hupte ihn an und Andy verriss das Lenkrad so sehr, dass wir fast im Graben gelandet wären. Zum Glück kamen wir gerade noch auf dem Standstreifen zum stehen, aber ich war fix und fertig mit den Nerven und ich fragte mich nur, wo ich da gelandet war…

Als wir ca nach einer Stunde auf seiner Farm ankamen fühlte ich mich schon wieder etwas besser. Seine Farm war hübsch und wirklich toll gelegen in wunderschöner Landschaft. Irgendwie hatte ich mir auf der Fahrt eine Messie-Bude ausgemalt. Ich lernte dann als erstes Artem, kurz: Art, den anderen Volontär aus Sibirien kennen und da fühlte ich mich gleich wohler. Art war ein hellblonder Hüne und sah mehr schwedisch als russisch aus. Und er war ein super gut gelaunter und gesprächiger Typ, der sich auch gerne etwas über Andy und seine Marotten lustig machte. Ich mochte ihn von der ersten Sekunde :) Andy zeigte mir dann das Haus und mein Zimmer im 1. Stock, indem nicht sehr viel mehr als ein Bett und ca. 30 tote Fliegen zu sehen gab. Aber immerhin endlich wieder ein eigenes Zimmer – yay!!!! :)


Andy’s Farm


Lemon, der kleine Fußbeißer 😉


Major und Zane wohnen teilweise einfach im Garten 

Dann gab mir Andy noch eine kleine Einführung, wie er dazu beiträgt unsere Welt zu retten… Zum Beispiel hat er in jedem Waschbecken einen kleinen Eimer stehen in dem er das Wasser vom Händewaschen auffängt. Das wird dann wiederum in einem großen Eimer geschüttet und der wird dann anstatt der Toilettenspülung hergenommen. Auch seine Wäsche wird mit Seifenwasser aus dem Handwaschbecken gewaschen. Warmes Wasser gibt es in seinem Haus auch nur begrenzt, was bedeutete, dass eine heiße Dusche nicht jeden Tag für jeden von uns drin war und wir uns somit immer absprechen mussten wer wann dran ist… Das Haus wurde auch nicht beheizt, obwohl es draußen schon fast Minusgrade hatte. Aber ich war die einzige die fror und so bekam ich einfach eine Heizdecke verpasst, die nachts wenigstens meinen Schlafsack schön aufheizte. Als ich schon ein paar Tage da war, fand ich dann noch heraus, dass alles was wir im Kühlschrank hatten abgelaufenes oder aussortiertes Essen aus dem Supermarkt war, das Andy dort unter der Hand von einem Mitarbeiter für seine “Pferde” bekam 😉 Und generell wirft Andy so gut wie nie Nahrungsmittel weg. Sätze wie: “Warum soll die Tomate nicht mehr gut sein? Schneid die faule Stelle einfach ab dann geht die noch” hörte ich die ganze Zeit. Art und ich schmissen manchmal einfach heimlich was weg 😀 Aber ich muss sagen, dass es mir nicht einmal von unserem Essen schlecht ging. Ich glaube vieles machen wir einfach am optischen Erscheinungsbild der Lebensmittel fest und denken dann, dass sie nicht mehr essbar oder verträglich sind…

An meinem ersten Arbeitstag mussten wir ein paar Schafe eintreiben, weil Andy sie zum Schlachter bringen wollte. Das Fleisch holte er dann später dort wieder ab, ein Teil davon ist dann zum Eigenverzehr, einen Teil verkauft er, aber oft tauscht er das Lammfleisches auch gegen andere Lebensmittel ein, wie ein Hühnchen, Gemüse oder Kuchen. Da ich Schafe schon immer so gern mochte, gefiel mir meine erste Aufgabe überhaupt nicht :( Um die 4 Schafe in den Anhänger zu locken band Andy ein anderes Schaf an den Hänger, da Schafe ja Herdentiere sind und immer zusammen bleiben… Es war gar nicht einfach nur die ausgewählten Schafe einzutreiben, v.a weil man aufpassen muss, dass sie einen nicht einfach über den Haufen rennen. Die drehen echt manchmal durch, wenn man ihnen zu nahe kommt und sie sich bedroht fühlen… Als wir sie endlich im Hänger hatten fuhr Andy los und vergaß total das Schaf, das ja noch hinten angebunden war. Art fing an loszuschreien “Hey!!!! Du bringst grad dein Schaf um” Andy bremste und sprang aus dem Truck und lief zu seinem Schaf, das grad um sein Leben kämpfte, da es vom Strick stranguliert wurde… Ich stand nur geschockt daneben während Andy das Seil durchschnitt. Das Schaf rappelte sich auf und sprang sofort davon. Zum Glück war ihm nix passiert. Was für eine Einführung ins Farmleben, das hatte ich mir echt anders vorgestellt… In den kommenden drei Wochen waren meine Aufgaben dann u.a dann Schafe füttern und eintreiben, Mist schaufeln, Anstricharbeiten, hin und wieder das Haus putzen oder Abendessen kochen. 


Art und Andy beim Herumblödeln mit den Schafen 


Sogar ich hab mal eins eingefangen, gar nicht so einfach 😀

Glücklich wie ein kleines Kind im Streichelzoo :)

Unsere Haupttätigkeit war aber Zäune bauen. Andy hat neben seiner Farm noch eine Firma, die Zäune für Felder und Koppeln baut und das ist echt harte Arbeit. V.a wenn man echt bescheiden darin ist den Hammer zu schwingen, so wie ich 😉 Und einen Frauenbonus bekam ich beim Tragen der Pfosten auch nicht. Die ersten Tage hasste ich Fencing echt abgrundtief, v.a da es immer kälter draußen wurde und wir bei jedem Wetter draußen arbeiteten. Ich überlegte schon woanders hin zu wechseln. Aber dann fing es plötzlich an, mir richtig Spaß zu machen und meine Nägel wurden immer gerader 😉 Und es gefiel mir richtig, dass Andy mir so viel zeigte und echt alles machen ließ. Als er mir dann aber eines Tages zurief “Hey Sarah, hol mal die Kettensäge und schneid das hier ab” lehnte ich dann doch ab… Das war mir dann echt zu gefährlich, ich brauch meine Gliedmaßen noch 😉
Auch sonst gefiel es mir immer besser auf der Farm. Wir arbeiteten zwar an sechs Tagen in der Woche meistens echt hart aber dafür gingen wir sonntags immer mit einer Gruppe aus Black Diamond dem nächst größerem Ort zum wandern, was immer total lustig war… Außerdem trug Andy mit seiner etwas trotteligen Art, seinen amüsanten Aktionen und seinen Farmer-Sprüchen sehr zu unserer Erheiterung bei. 

Andy mit der Pfosten-Reinschlag-Maschine (ich hab den Fachausdruck leider vergessen 😉 )

Art spannt die Drähte


Wandern mit der Hiking-Group aus Black Diamond


Hier noch im Herbst…


Und eine Woche später im Wintermärchenwald :)


Mittagspause mit Lagerfeuer 

Eines Freitagabends fragte Andy uns zum Beispiel, ob wir Lust hätten auf ein Rodeo in Calgary zu gehen? Andy hatte nämlich selber mal 7 Jahre lang beim Bullreiten mitgemacht und wollte mir das gerne mal zeigen. Andy erzählte mir, dass der Eintritt 17 Dollar pro Kopf kosten würde, aber da Art und ich so hart arbeiten würden, er uns gerne darauf einladen möchte. Andy warf sich also in seine Cowboystiefel und setzte seinen Cowboyhut auf und wir fuhren nach Calgary. Als wir dort angekommen waren hatte das Rodeo schon angefangen. Wir gingen zu einem der Seiteneingang und standen plötzlich vor einem Zaun. Ich hatte es die ganze Zeit schon geahnt. Andy sah mich an und sagte: “Los!!! Zeig uns mal wie gut du wirklich klettern kannst” 😀 Art war schon längst dabei, der schien das Prozedere schon zu kennen. Wir mussten bestimmt über 4 Zäune klettern bis wir den Zuschauersitzbereich kamen und wären einmal fast aufgeflogen. Aber Andy schien so routiniert darin zu sein, dass die Dame die uns nach dem Eintrittskarten fragte nicht weiter daran interessiert war Fragen zu stellen. Das Rodeo war dann echt ein Erlebnis, denn ich hätte niemals erwartet, dass die Cowboy Kultur noch so groß gelebt wird. Es war echt interessant die Cowboys und Cowgirls, sowohl im Publikum als auch die Kandidaten, zu beobachten und die verschiedenen Kategorien beim Rodeo waren auch super spannend. Auch wenn ich sagen muss, dass einem Tierliebhaber ja schon bissl das Herz weh tut, wenn man mit ansieht wie das kleinen Kälbchen mit dem Lasso gefangen wird und ihm dann die Füße zusammen gebunden werden. Die mögen das nämlich gar nicht. Und beim Hauptevent, dem Bullenreiten, hab ich um ehrlich zu sein mehr dem Bullen die Daumen gedrückt als dem Cowboy 😉 Ich meine, wer würde wohl nicht wild werden und durchdrehen, wenn einem die Geschlechtsteile abgebunden werden und dann so einer versucht auf deinem Rücken zu reiten??? 😀


Letzte Handgriffe…


Die Cowboys warten auf ihren “Auftritt” 😉


Die Nachwuchs Cowboys- und Girls warten auf Süßigkeiten 


Andy beim Socialising 

Das Kälbchen war nicht schnell genug :(

Das Bullenreiten dauert meist nur ein paar Sekunden…

Als ich zwei Wochen auf Andy’s Farm arbeitete kam noch eine dritte Wwooferin dazu. Charlene, eine süße Französin, die echt total gut drauf war und wegen ihrem Akzent ungewollt für jede Menge Lacher bei uns sorgte. Und mit ihr machte mir das Fencing noch mehr Spaß. Wir vier wurden echt ein eingespieltes Team :) 


Charlène und ich in der selbst genommenen Fotopause…


Man beachte den wunderschönen Zaun im Hintergrund 😀

Deshalb fiel es mir echt schwer die Farm nach drei Wochen zu verlassen, aber ich wollte unbedingt nochmal in die Rockies bevor ich zurück nach San Francisco fliegen würde. Ich hatte mich in Banff, das ist ein kleiner, wunderschöner aber leider ziemlich touristischer Ort, inmitten der Rockies, mit Vincent verabredet. Vincent hatte ich auf dem Burning Man kennengelernt. Er kommt eigentlich aus Frankreich, wohnt und arbeitet aber im Augenblick in Banff. Als Charlene hörte, dass ich in die Rockies fahren wollte, kam sie spontan auch mit, nachdem sie das mir Andy abgeklärt hatte.

So holten also Charlene und ich Vincent in Banff mit unserem Mietwagen ab und nachdem sich die beiden bekannt gemacht hatten, fuhren wir auch schon weiter nach Jasper. Und diese Fahrt war echt die schönste, die ich jemals gemacht habe. Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich wäre, den letzten Besuch in den Rockies noch zu toppen… Die kleine Landstraße schlängelte sich durch die unglaublich riesigen Berge hindurch, deren Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Da war es schwer sich aufs Fahren zu konzentrieren. Auch sonst war die Fahrt echt der Knaller. Charlene sang zu jedem Lied auf meinem iPod die Gitarre Karaoke, einfach nur genial 😀 Als wir in Jasper ankamen fing es grade an richtig heftig zu schneien und wir hatten uns in einem so genannten Wilderness Hostel mit lauter kleinen Hütten, ohne fließendem Wasser und nur mit Plumpsklo in einem Bretterverschlag eingemietet. Als ich nachts zur Toilette musste versuchte ich es mir echt eine Stunde lang zu verdrücken. Als ich dann wirklich nicht mehr warten konnte, war es irgendwie doch ganz cool im tiefen Schnee zur Toilette zu stapfen aber wirklich bitterkalt 😉 
Am nächsten Morgen waren wir drei die ersten die das Hostel verließen und da die Räumfahrzeuge so früh noch nicht unterwegs sind war es echt gruselig auf der zugeschneiten Straße zu fahren. Wir fuhren zum Lake Maligne, wo wir dann eine Wanderung durch den tiefen Schnee zum Gipfel eines Berges machten. Und das war ultra anstrengend, aber wunderschön und wir wurden mir einem Wahnsinnsausblick belohnt…


Schönste Autofahrt…




Anschließend fuhren wir erstmal wieder stundenlang zurück nach Banff, wobei der tolle Blick aus dem Fenster echt entschädigte… In Banff schliefen wir bei Vincent in seinem wirklich winzigen Zimmer, das er mit einem Engländer teilt. Wir machten am nächsten Tag noch eine Wanderung um Banff aber nach dem Vortag im Tiefschnee war die einfach nur Pillepalle 😀 

Wanderung in der Nähe von Banff


Charlène und ich am Lake WilliWonka – naja zumindest wird er fast so ausgesprochen 😉

Am nächsten Tag ging es dann leider schon wieder zurück nach Calgary wo ich dann von Andy überredet wurde nochmal mit auf die Farm zu kommen und natürlich wollte ich lieber nochmal mit den dreien abhängen als im bitterkalten Calgary meine Zeit bis zum Abflug alleine im Hostel zu verbringen. Und so gingen wir am nächsten Tag echt noch zum Fencen bevor sie mich zum Flughafen brachten 😀 Ich war mir echt so sicher dass ich den Flieger verpassen würde aber es lief alles glatt und als es so weit war und ich mich verabschieden musste hätte ich fast mit Charlene mitgeweint :(

Die Zeit bei Andy auf der Farm hat mir so viele Dinge gelehrt und damit meine ich nicht nur wie man mit dem Hammer umgeht 😉 Seine Lebensweise hat mich grundlegend beeinflusst und mir so viel für mein weiteres Leben mitgegeben, wie ich es niemals erwartet hätte… Außerdem bin ich total dankbar Andy, Art und Charlene kennengelernt zu haben und ich hoffe jeden einzelnen von ihnen irgendwo auf der Welt wieder zutreffen :)