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Eitan

Ich hab lange darüber nachgedacht ob ich diesen Blogeintrag schreiben soll oder nicht, da es doch ziemlich persönlich ist… Aber ich hab mich dafür entschieden. Denn ohne Eitan zu erwähnen könnte ich Euch nix von den letzten Wochen erzählen…

Also Liron und ich wollten gleich nach dem Tempelburn aufbrechen und in der Nacht bis nach Reno fahren. Doch die Idee hatten scheinbar nicht nur wir und so ging es nur schleppend Richtung Ausgang des Festivals voran, bis irgendwann gar nix mehr ging. Und dann standen wir ganze 10 Stunden im Stau. Der Grund war, dass ein 17-jähriges Mädchen verschwunden war und die Polizei jetzt in alle Fahrzeuge einen Blick werfen wollte. Wie sich später herausstellte hatte sie sich wohl nur einem Typen gemütlich gemacht und ihre Eltern nicht darüber informiert. Früh morgens konnten wir dann endlich das Festivalgelände verlassen und waren auf dem Weg nach Reno. Dort verbrachten wir zwei Nächte in einem Casinohotel und ich muss sagen, dass das echt ein kleiner Kulturschock für uns war. Es war so surreal von einem Ort, an dem man mit Geld überhaupt nichts anfangen kann, an einen Ort zu kommen, wo die Leute den ganzen Tag am einarmigen Banditen sitzen und auf den großen Gewinn hoffen. Und auch so ist Reno kein sehr einladender Ort – auf den Straßen sieht man nur heruntergekommene, gruselige Menschen, die alle psychische Probleme zu haben scheinen. Wir waren echt froh als wir endlich wieder weiter nach Orangevale fuhren. Dort schliefen wir dann nochmal eine Nacht bei der Cox-Family, brachten unseren eingestaubten Van auf Vordermann und reisten dann weiter nach San Francisco, da Liron nur noch wenig Zeit bis zu ihrem Rückflug hatte. In SF schliefen wir bei Eitan, einem Freund von Liron’s Bruder aus Israel. Wir hingen die nächsten Tage viel mit ihm und seinen Freunden rum und sahen uns nebenbei ein bisschen SF an, aber so toll wie alle sagen, fanden wir die Stadt nicht wirklich… Auch hier überall Obdachlose, Junkies und psychisch Verwirrte, die einen manchmal auch anschreien. Als Liron abreiste blieb ich noch ein paar Tage bei Eitan da ich noch nicht wirklich entschieden hatte, was mein nächstes Reiseziel sein sollte… Ich verbrachte die kommenden Tage also viel Zeit mit ihm und wir verstanden uns echt super. Ich hab echt selten mit jemandem so schnell über so viele wichtige Themen gesprochen und so viele Einstellungen und Ansichten geteilt… Ich beschloss dann nach langem hin und her, doch die USA wieder zu verlassen, weil mir das Alleinreisen dort nicht wirklich erstrebenswert und sicher genug erschien. Außerdem fand ich die meisten Amerikaner, denen ich so begegnete, total unfreundlich und mir fehlten die netten Kanadier. Und so buchte ich ganz kurzfristig einen Flug nach Vancouver. Irgendwie war es ein komisches Gefühl Eitan zu erzählen, dass ich bald abreisen würde und ich hatte das Gefühl, dass er auch ein wenig enttäuscht war, dass ich nur so kurz bei ihm gewohnt hatte…

Ich flog also weiter nach Vancouver und gleich der erste Kanadier, mit dem ich am Flughafen redete, war super nett und hilfsbereit. Da war ich über meine Entscheidung echt sehr glücklich und freute mich noch mehr zurück zu sein :) Ich hing die nächsten Tage mit einem Mädel aus Norwegen ab, sah mir die wunderschöne Stadt an und traf mich öfter Kathi. Kathi und ich hatten uns letztes Jahr auf Bali über ihre Mama kennengelernt, mit der ich mehrere Tage zusammen unterwegs war. Kathi war in der Zwischenzeit mit ihrem australischem Freund nach Vancouver gezogen und so kreuzten sich unsere Wege schon wieder. Denn wir waren uns auch schon auf dem Burning Man einmal zufällig in die Arme gelaufen, was echt an ein Wunder grenzte bei so vielen Leuten… Kathi empfahl mir dann auch unbedingt nach Vancouver Island und in die Rockies zu fahren. So beschloss ich zuerst nach Vancouver Island zu fahren, da die Wettervorhersage für die Insel recht gut war… 





Als ich nicht einmal 24 Stunden auf der Insel war und grade dabei war ein Auto zu buchen schrieb ich mit Eitan hin und her. Ich erzählte ihm von meinem Plan in die Rockies zu fahren und fragte ihn: “Wanna come?” Und ehe ich mich versah hatte er den Flug gebucht – für den nächsten Tag!!!! Ich hatte also keine Zeit mir die Insel überhaupt anzusehen, da ich am nächsten Tag schon wieder auf der Fähre zurück nach Vancouver war, um ihn vom Flughafen abzuholen. Wir fuhren dann vom Flughafen in die Stadt um unseren Leihwagen abzuholen und erlebten gleich mal eine schöne Überraschung, denn wir wurden upgegradet von einem Kleinwagen zu einem Dodge Minivan, in dem man sämtliche hinteren Sitze im Boden verstauen konnte. Da wir sowieso vorgehabt hatten zu campen, aber beide kein Zelt hatten, konnten wir unser Glück kaum fassen… Einfach nur mega!!! Wir verbrachten also 4 wunderbare Tage in den Rockies miteinander. Die Fahrt dorthin war schon so schön und jedes Mal wenn wir anhielten, waren wir einfach nur beeindruckt von der tollen Landschaft. So viele Wasserfälle, Flüsse und Seen in wunderschönem Türkis, umrandet von diesen riesigen Bergen, hab ich echt selten zuvor gesehen… Und eines morgens als wir frierend in unserem Van aufwachten schneite es draußen gerade wie verrückt. Und das im September!!! Aber wir freuten uns wie kleine Kinder über den Schnee und machten erstmal eine Wanderung um den Lake Louise. Normalerweise ist dort alles von Touristen überlaufen, aber denen war es wohl zu kalt und so trafen wir absolut niemanden…
Wir verstanden uns während der ganzen Reise so dermaßen gut, dass es mir schon fast unheimlich wurde. Wir hatten immer was zu reden oder zu lachen und legten auch auf die gleichen Dinge beim Reisen wert… Also kurzum die Chemie stimmte echt ziemlich gut bei uns :) Und so fiel uns der Abschied in Vancouver echt nicht leicht, als wir das Auto wieder zurückgegeben hatten, v.a weil völlig unklar war, ob und wann wir uns wiedersehen würden…







Als ich am Tag darauf dann wieder auf Vancouver Island angekommen war lernte ich zwei Mädels im Hostel kennen und so beschlossen wir kurzerhand gemeinsam auf einen kleinen Roadtrip zu gehen. Die zwei waren total nett, aber irgendwie kam ich grad gar nicht damit klar, mit anderen Leuten als mit Eitan abzuhängen bzw. mich wieder an neue Menschen zu gewöhnen… So unbeschwert war das Reisen einfach mit noch niemandem zuvor gewesen. Während des Roadtrips beschloss ich mir einen Job auf einer Farm in Alberta zu suchen, da mir die Rockies so gut gefallen hatten, dass ich unbedingt nochmal hinwollte. Ich meldete mich auf der Workaway Internetseite an und schrieb einige Farmer und Rancher in Alberta an. Fast alle antworteten mir, dass sie Hilfe gebrauchen könnten. Und so entschied ich mich für Andy, der Sheep-Farmer, der mir als erstes geantwortet hatte und buchte auch schon mal den Flug nach Calgary. Nach dem kurzen, netten aber recht unspektakulären Roadtrip über die Insel (ich hab glaub ich kein einziges Foto gemacht, sorry!) fuhr ich also wieder mit der Fähre zurück nach Vancouver, um dann am nächsten Tag weiter nach Calgary zu meinem ersten Job auf dieser Reise zu fliegen. Was ich da genau erlebt habe und was für amüsante und interessante Menschen ich da kennengelernt habe, erzähl ich euch dann demnächst noch näher…

Nachdem ich dann etwas mehr als eine Woche auf der Farm gearbeitet hatte, stand für mich definitiv fest, dass ich Eitan wiedersehen musste. Da ich wusste, dass er keinen Resturlaub mehr hatte, bevor er dann im Dezember seinen Job aufgeben würde und für mindestens ein Jahr nach Indien gehen würde, lag es also an mir. Und so fing ich an, mich nach Flügen zuschauen. Als ich einen günstigen in zwei Wochen gefunden hatte, schrieb ich ihm “Any plans for October 18th?” Ich glaub er checkte erst nicht so ganz, worauf ich hinaus wollte, aber war dann total begeistert von der Idee und so buchte ich den Flug… Ich genoss die Zeit bei Andy auf der Farm noch in vollen Zügen und freute mich aber schon auf den Flug nach SF. Kurz vor dem herbeigesehnten Datum gab es dann noch einen Vorfall zwischen uns, weshalb ich den Flug fast nicht genommen hätte – und wieder einmal hatte ich auf die Reiserücktritt verzichtet, ich lerne einfach so gar nix dazu 😉 Aber ich beschloss, dass man wichtige Dinge am besten persönlich bespricht und nicht per Whatsapp oder per E-Mail und so flog ich trotzdem… 

Und ich bereute es kein bisschen. Diesmal genoss ich meinen Aufenthalt in San Francisco echt sehr… Ich muss aber sagen ich hing auch mehr in Emeryville (wo Eitan wohnt) und in Berkley ab. Von der Berkley University habt ihr ja bestimmt schon mal gehört und ich muss sagen Berkley ist echt mega cool. Etwa vergleichbar mit unserem Glockenbachviertel, Friedrichshain in Berlin oder Fitzroy in Melbourne ist es mir sofort ans Herz gewachsen :) Nach SF in die Stadt hat es mich so gar nicht mehr gezogen, mir hat es gereicht, die Bay von Emeryville aus zu sehen, denn die Aussicht ist echt wunderschön… 

Wir verbrachten dann schöne 1,5 Wochen miteinander, unternahmen viel, sobald Eitan Feierabend hatte, hingen mit seinen Freunden ab, gingen wandern und campen und hatten jede Menge Spaß… Aber irgendwie war die ganze Situation total seltsam für mich. Wir lebten von heute auf morgen auf einmal zusammen und hatten etwas beziehungsähnliches am laufen und das war total schön, aber auf der anderen Seite sah ich keine große Zukunft für uns. Ich wollte eigentlich weiterreisen und Abendteuer erleben und nicht in einer Stadt abhängen und auch nicht dort arbeiten. Und er würde in 1,5 Monaten nach Indien gehen und da nun mal auch ne ganze Weile bleiben. Und ich hatte schon längst für mich beschlossen, ihn nicht zu begleiten. Ich glaube einfach, dass man manche Reisen alleine machen muss, v.a wenn es sowas wie ein Selbstfindungstrip ist. Sowas ist einfach eine unglaublich wichtige Erfahrung… Und so sprach ich die ganze Situation mal an und wieder hatten wir eine schöne, total offene Unterhaltung und stellten fest, dass wir echt haargenau das gleiche darüber dachten… Und so beschlossen wir, so schön das ganze mit uns auch war, dass es einfach nicht das richtige Timing und nicht die richtigen Umstände für eine Beziehung waren und es besser wäre, wenn ich weiterreisen würde… 

Und so setzte ich mich am nächsten Tag hin, schrieb fünf Reiseziele auf Zettelchen und zog einen. Hawaii!!!!!!! Ich war super glücklich mit diesem Ergebnis und buchte gleich den Flug :) Somit hatten wir noch 3 Tage bis zu meinem Abflug. Und wie es nun mal meistens in so einer Situation ist – die letzten Tage wurden dann nochmal so richtig schön. Der Abschied soll einem ja so richtig schwer fallen, wär ja sonst langweilig 😉 

Aber ich muss sagen, ich hab echt so viel gelernt und mitgenommen aus dieser Erfahrung. Erst einmal hat Eitan mich zu so vielen Dingen inspiriert und zum nachdenken angeregt und das ist für mich eine der schönsten Eigenschaften, die ein Mann haben kann… Dann hat er mir gezeigt, wie schön es ist, einen Menschen zu treffen, mit dem man sich so tief verbunden fühlt, dass man am liebsten die ganze Zeit wie siamesische Zwillinge aneinander hängen möchte und wenn man sich länger nicht sieht, das Gefühl hat, als wäre einem gerade ein extrem wichtiges Körperteil operativ entfernt worden 😀 Ich weiss jetzt auf jeden Fall mal, dass ich genau will was er und ich hatten und ich bereit für eine neue Beziehung bin und diese Erkenntnis war schon mal total wichtig für mich. Auf der anderen Seite hab ich gelernt, dass man manchmal einfach einsehen muss, dass aus einer schönen Lovestory nicht immer eine Beziehung werden kann, wenn die beiden Leben einfach nicht so richtig zusammen passen wollen und jeder erstmal seinen eigenen Weg gehen muss… In so einer Situation hilft nur, seinen eigenen Weg weiter zu gehen und entweder man sieht sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder bzw. man macht es möglich und falls nicht, hat es halt einfach nicht sein sollen…. Aber es in die Länge zu ziehen, nur weil man die Wahrheit nicht sehen will, bringt nix, dadurch wird man nur unglücklich… 

Und so war es dann der schönste, schwere Abschied, den ich jemals hatte…

Verliebt zu sein ist schön :) Peace!!!